Die Bedeutung der Preisstabilität

Preisstabilität ist für ein Land von höchster Bedeutung. Denn steigen oder sinken die Preise über eine längere Zeit zu stark, führt das zu grosser Unsicherheit für Unternehmen und Haushalte und zu Umverteilung von Vermögen und Einkommen. Das hat Folgen für den Wohlstand jedes Einzelnen. Die Schweizerische Nationalbank erklärt, was sie unter Preisstabilität versteht und warum das Thema ganz zuoberst auf ihrer Prioritätenliste steht.

Bild: Keystone

Wie die Nationalbank die Preisentwicklung beeinflusst


  • Aufmacher 01

    Die Geldpolitik wirkt über verschiedene Kanäle auf Preise und Konjunktur – der komplexe Transmissionsmechanismus einfach dargestellt.

  • Aufmacher 02

    Nehmen wir an, die Inflationsprognose sagt zu hohe Teuerungsraten voraus.

  • Aufmacher 03

    Die Nationalbank erhöht den SNB-Leitzins, die Zinsen für Kredite mit kurzer Laufzeit steigen.

  • Aufmacher 04

    Dadurch steigen mit der Zeit auch die langfristigen Zinsen, zum Beispiel für Hypothekarkredite oder für Unternehmenskredite. Auch der Franken wird gegenüber anderen Währungen attraktiver und wertet sich auf. Es braucht damit weniger Franken, um die gleiche Einheit an fremder Währung zu kaufen.

  • Aufmacher 05

    Für Unternehmen und Haushalte wird es weniger attraktiv, Kredite aufzunehmen. Das wiederum reduziert die Nachfrage. Die Unternehmen passen entsprechend ihre Produktion der tieferen Nachfrage an, die Konjunktur wird gedämpft.

  • Aufmacher 06

    Weil die Nachfrage zurückgegangen ist, ist das Güterangebot im Vergleich dazu grösser geworden. Ist die Nachfrage kleiner als das Angebot, können die Preise kaum mehr erhöht werden. Die Preisstabilität ist gewährleistet.

Preisstabilität – was heisst das genau?


Von Preisstabilität spricht man dann, wenn sich die Preise für die Dinge des täglichen Bedarfs so wenig verändern, dass man das von heute auf morgen kaum wahrnimmt. Die Nationalbank bezeichnet die Preise als stabil, wenn das allgemeine Preisniveau in der Schweiz weniger als 2% pro Jahr steigt und auch keine negative Teuerung auftritt. Von einer Inflation oder Deflation spricht man erst, wenn das gesamte Preisniveau über eine längere Zeit stark steigt oder sinkt. In den letzten 100 Jahren traten inflationäre Phasen mehrfach auf. Im selben Zeitraum kam es hingegen bisher nur einmal zu einer längeren Periode mit deutlich negativer Teuerung, also einer Deflationsphase, nämlich in den 1930er-Jahren.

Der LIK-Warenkorb 2019


Der LIK-Warenkorb 2019
Quelle: BFS

Um die Veränderung des Preisniveaus zu verfolgen, stützt sich die Nationalbank auf den Landesindex der Konsumentenpreise (LIK). Dieser zeigt anhand eines Korbs von Waren und Dienstleistungen, die ein durchschnittlicher Haushalt in der Schweiz konsumiert, wie sich die Preise verändern.

Sind 100 Franken eigentlich viel Geld?


Früher konnte man für 100 Franken bedeutend mehr kaufen als heute. Trotzdem geht es uns heute besser. Denn unsere Löhne sind noch stärker gestiegen als die Preise. Anders gesagt: Die Kaufkraft unseres Einkommens hat zugenommen.

Ob 100 Franken als viel oder wenig Geld erscheinen, hängt nicht nur davon ab, wie viel man verdient oder besitzt, sondern auch, wie viel man sich damit kaufen kann. Und das verändert sich: Im Jahr 1915 zum Beispiel erhielt man für 100 Franken über 500 Kilogramm Kartoffeln. Heute bekommt man für denselben Betrag noch knapp 40 Kilogramm, weil der Preis von Kartoffeln ziemlich stark angestiegen ist. Auch viele andere Waren und Dienstleistungen sind teurer geworden. Wer heute für 100 Franken einkauft, hätte für das Gleiche vor 100 Jahren nur etwa 10 Franken bezahlt.

Preise steigen, Löhne steigen stärker

Grund dafür ist, dass die Preise in vielen Volkswirtschaften – so auch in derjenigen der Schweiz – über die letzten 100 Jahre merklich gestiegen sind. Dieser Preisanstieg führt dazu, dass das Geld an Wert verliert. Dies bedeutet aber nicht, dass wir uns heute weniger leisten können als vor 100 Jahren. Denn mit den Preisen für Essen, Kleidung, Wohnen, Verkehr usw. sind auch die Löhne gestiegen.

Höhere Kaufkraft

Die meisten Löhne sind sogar deutlich stärker gestiegen als die Preise – sodass wir uns heute mit unserem Lohn glücklicherweise viel mehr und bessere Produkte leisten können als die Menschen vor 100 Jahren. Als Folge davon haben sich in dieser Zeit auch unsere Bedürfnisse sowie das Angebot stark verändert. Uns geht es heute also bedeutend besser als früher.

So lange arbeitet man, um ein Produkt kaufen zu können

Quelle: Avenir Suisse

Wenn die Preisstabilität ins Wanken gerät


Sowohl starke Inflation als auch Deflation sind äusserst schädlich. Während die Wirtschaft kurzfristige Abweichungen von der Preisstabilität verkraften kann, sind grosse, lang anhaltende Abweichungen – nach oben wie nach unten – äusserst schädlich. Eine hohe, unerwartete Inflation führt zu grosser Unsicherheit für Unternehmen und Haushalte und zu Umverteilung von Vermögen und Einkommen. Das Geld verliert an Wert, viele Menschen können sich dadurch weniger leisten, d.h. ihre Kaufkraft wird reduziert. Denn der Lohn oder die Rente passt sich der Teuerung nicht immer oder nur zum Teil und erst verspätet an. Auch eine anhaltende Deflation hat schädliche Folgen, denn sie wirkt sich negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung aus.

Die Nationalbank sorgt für stabile Preise

Die Nationalbank sorgt für stabile Preise

Der Auftrag der Nationalbank ist in der Schweizerischen Bundesverfassung verankert


Die Nationalbank hat den Auftrag, in der Schweiz Preisstabilität zu gewährleisten. Dabei muss sie immer auch der konjunkturellen Entwicklung Rechnung tragen.
Der Auftrag der Nationalbank ist in der Schweizerischen Bundesverfassung verankert

Die Bundesverfassung schreibt der Nationalbank vor, eine Geld- und Währungspolitik im Gesamtinteresse des Landes zu führen. Das Nationalbankgesetz konkretisiert diesen Auftrag: Es verpflichtet die Nationalbank dazu, die Preisstabilität zu gewährleisten – also sowohl Inflation als auch Deflation zu verhindern. Dabei muss sie der konjunkturellen Entwicklung Rechnung tragen.

Auftrag mit klarer Hierarchie

Das Gesetz gibt dabei eine klare Hierarchie der Ziele vor: Die Gewährleistung der Preisstabilität steht an erster Stelle, die Berücksichtigung der konjunkturellen Entwicklung kommt an zweiter Stelle. Die Preisentwicklung und die konjunkturelle Entwicklung sind allerdings eng miteinander verknüpft. Natürlich ist die Konjunktur in der Schweiz auch stark durch das wirtschaftliche Geschehen im Ausland geprägt, worauf die Nationalbank keinen Einfluss hat.

Einfluss mit Grenzen

Die Nationalbank kann mit ihrer Geldpolitik das Preisniveau und die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz nicht punktgenau steuern. Geldpolitische Massnahmen wirken zudem zuerst vor allem auf die Konjunktur und erst mit Verzögerung auf die Preise. Die Geldpolitik kann die wirtschaftliche Entwicklung nicht nachhaltig beeinflussen und für höheres Wachstum sorgen. In der langen Frist hat die Geldpolitik überhaupt keinen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung. Aber mit der Gewährleistung von Preisstabilität kann sie für gute Rahmenbedingungen sorgen. Die Möglichkeiten der Geldpolitik, die Konjunktur zu beeinflussen, sind also begrenzt und dürfen nicht überschätzt werden.

Bild: Keystone

Wie die Nationalbank ihr Mandat umsetzt


Zeigt die Inflationsprognose der Nationalbank die Gefahr an, dass die Preise zukünftig mehr als 2% pro Jahr steigen, erhöht sie die Zinsen und drosselt die Geld- und Kreditversorgung der Wirtschaft – und umgekehrt. So setzt die Nationalbank ihr Mandat um.

Inflationsprognose
Quellen: BFS, SNB

Der Transmissions­mechanismus


Der Transmissionsmechanismus

Die Geldpolitik der Nationalbank wirkt sich vielfältig auf die Wirtschaft aus. Geldpolitische Änderungen lösen eine Kette von Ereignissen aus, dieser Prozess wird mit dem Begriff «Transmissionsmechanismus» umschrieben. Über die Zinsen und den Wechselkurs beeinflusst die Geldpolitik Preise und Konjunktur.

Das geldpolitische Konzept


Das geldpolitische Konzept beschreibt, wie und mit welchen Instrumenten die Nationalbank ihr Ziel erreicht. Es besteht aus drei Elementen: Als Erstes definierte sie bei der Einführung dieses Konzepts, was sie unter Preisstabilität versteht, nämlich dass das allgemeine Preisniveau in der Schweiz um weniger als 2% pro Jahr steigt. Zweitens erstellt die Nationalbank vierteljährlich eine Inflationsprognose für die folgenden drei Jahre. Für diese Prognose verwendet sie einen über die gesamte Zeitdauer unveränderten SNB-Leitzins. Anhand dieser Inflationsprognose erkennt die Nationalbank, ob die Teuerungsrate eher zu hoch, eher zu tief oder im Rahmen der Preisstabilität ausfallen wird. Und basierend darauf fällt sie – drittens – ihren Zinsentscheid: Sie erhöht den SNB-Leitzins, senkt ihn oder lässt ihn unverändert.

An der geldpolitischen Lagebeurteilung


Vierteljährlich führt die Nationalbank eine Lagebeurteilung durch und fällt den geldpolitischen Entscheid – anschliessend informiert sie die Öffentlichkeit. Falls es die Umstände erfordern, ergreift sie auch häufiger geldpolitische Massnahmen.

Mediengespräch vom Dezember 2015

Die Nationalbank nimmt jeweils Mitte März, Juni, September und Dezember eine vertiefte geldpolitische Lagebeurteilung vor. Dabei analysiert sie die wirtschaftliche Lage in der Schweiz und im Ausland und erstellt Prognosen für künftige Entwicklungen. Gestützt auf diese Analysen, fällt das Direktorium den geldpolitischen Entscheid. Falls es die Umstände erfordern, kann die Nationalbank auch zwischen den vierteljährlichen Lagebeurteilungen geldpolitische Massnahmen ergreifen – wie dies zum Beispiel bei der Einführung des Mindestkurses zum Euro am 6. September 2011 sowie bei dessen Aufhebung am 15. Januar 2015 der Fall war.

Die Information der Öffentlichkeit

Wenn die geldpolitischen Entscheide gefällt sind, informiert die Nationalbank mit einer Medienmitteilung darüber. Im Juni und Dezember führt sie jeweils ein Mediengespräch für Journalisten durch, bei Bedarf gibt es zusätzliche Medienkonferenzen.

Meistens Zinsentscheide, aber nicht immer

Die geldpolitischen Entscheide sind in der Regel Zinsentscheide. Doch kann die Nationalbank bei Bedarf auch anders gelagerte Entscheide treffen – der Mindestkurs ist ein Beispiel dafür. Üblicherweise kann die Nationalbank die Preisstabilität sicherstellen, indem sie das Zinsniveau verändert. Doch in einer kleinen offenen Volkswirtschaft wie der Schweiz übt neben den Zinsen auch der Wechselkurs einen bestimmenden und raschen Einfluss auf die Entwicklung der Preise aus. Es sind die Zinsen und der Wechselkurs zusammen, welche die sogenannten monetären Rahmenbedingungen für die Wirtschaft bestimmen. Mit ihren geldpolitischen Entscheiden sorgt die Nationalbank dafür, dass diese angemessen sind und die Preisstabilität gewährleistet ist.

In aussergewöhnlichen geldpolitischen Zeiten


Seit einigen Jahren befinden wir uns in aussergewöhnlichen geldpolitischen Zeiten. Die Nationalbank muss unkonventionelle Massnahmen ergreifen, wie zum Beispiel die Einführung des Mindestkurses von 1.20 Franken pro Euro. Mit der Aufhebung des Mindestkurses am 15. Januar 2015 steht für die Nationalbank zwar wieder die Zinspolitik im Vordergrund, doch normale Zeiten sind damit keineswegs angebrochen. Denn gleichzeitig mit der Aufhebung hat die Nationalbank die Zinsen noch weiter in den negativen Bereich gesenkt. Dadurch wurden Anlagen in Franken weniger attraktiv, was über die Zeit weiter zu einer Abschwächung des Frankens beitragen sollte. Auch ist die Nationalbank weiterhin bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv.