Im Fokus: Die Geschichte des Mindestkurses

Fast dreieinhalb Jahre lang hat die Nationalbank ihn mit aller Konsequenz durchgesetzt: den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro. Während dieser Zeit stand die Geldpolitik ganz im Zeichen des Mindestkurses. Heute ist er Geschichte, aufgrund der internationalen Entwicklungen hat ihn die Nationalbank am 15. Januar 2015 aufgehoben.

September 2011: Nationalbank führt Mindestkurs ein


Im Sommer 2011 wurde der Franken so stark, dass die Schweizer Wirtschaft akut bedroht war und deflationäre Risiken aufkamen. Die Nationalbank reagierte mit einer ungewöhnlichen Massnahme: Sie führte einen Euro-Franken-Mindestkurs ein.

Der Sommer 2011 war heiss in der Schweiz, zumindest in geldpolitischer Hinsicht: Die Schuldenkrise in Europa verschärfte sich. Der Euro verlor massiv an Wert. Viele Anleger wollten ihr Geld deshalb am liebsten im sicheren Schweizer Franken anlegen. Aufgrund der grossen Nachfrage wertete sich der Franken gegenüber anderen wichtigen Währungen rasant auf. Zeitweise kostete 1 Euro fast nur noch 1 Franken, zwei Jahre zuvor musste man noch rund 1.50 Franken dafür bezahlen. Bei der Nationalbank reihte sich Krisensitzung an Krisensitzung: Die Wirtschaft hatte sich eben erst von der Finanzkrise etwas erholt. Und jetzt diese massive Frankenaufwertung! Der aussergewöhnlich starke Franken stellte für Schweizer Unternehmen, die sich im weltweiten Wettbewerb behaupten müssen, eine grosse Herausforderung dar. Die Schweizer Wirtschaft war akut bedroht. Die Preisstabilität stand auf dem Spiel, da die Gefahr einer Deflation wuchs.

Schranke gegen Aufwertung

Die Nationalbank musste handeln, wenn sie ihren Auftrag erfüllen wollte. Sie senkte deshalb die Zinsen weiter und erhöhte die Notenbankgeldmenge massiv. Das zeigte eine gewisse Wirkung, jedoch blieb der Aufwertungsdruck auf den Franken bestehen und verstärkte sich Anfang September erneut. Daher ging die Nationalbank am 6. September 2011 einen Schritt weiter und legte einen Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro fest. Sie gab bekannt, dass sie diesen Mindestkurs mit aller Konsequenz durchsetzen werde. So errichtete sie eine Schranke gegen die starke Aufwertung des Frankens.

Das gab es doch schon einmal


Da der Wechselkurs eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Preise und der Konjunktur spielt, liess die Nationalbank den Frankenkurs auch in der Vergangenheit nie aus den Augen. So war auch die Einführung des Mindestkurses im September 2011 eigentlich keine Premiere. Die Nationalbank hatte schon einmal – im Oktober 1978 – eine offizielle Kursuntergrenze festgesetzt: Damals zog sie eine Grenze für den Wechselkurs der Deutschen Mark gegenüber dem Franken. Sie legte fest, dass der Kurs deutlich über 80 Franken für 100 Deutsche Mark liegen müsse. Auch diese Kursuntergrenze setzte sie mit Interventionen am Devisenmarkt bei Bedarf durch.

Fast dreieinhalb Jahre Mindestkurs


Fast dreieinhalb Jahre lang war der Mindestkurs das richtige geldpolitische Mittel, um die Preisstabilität in der Schweiz zu sichern und eine Rezession zu vermeiden.

Bekräftigung des Mindestkurses: Mediengespräch vom Juni 2013

Durchsetzung Mindestkurs – wie geht das?


Sobald sich der Euro gegen 1.20 Franken bewegte, kaufte die Nationalbank Euro und bezahlte diese mit neu geschaffenen Franken. So konnte sie eine weitere Aufwertung des Frankens verhindern.

Ein Wechselkurs ist nichts anderes als der Preis einer Währung, ausgedrückt in einer anderen Währung. Bei einem Euro-Franken-Wechselkurs von 1.20 kostet 1 Euro 1.20 Franken. Wenn der Wechselkurs 1.10 beträgt, kostet der Euro nur noch 1.10 Franken, der Euro ist also billiger geworden – der Franken ist mehr wert. Oder mit anderen Worten: Wenn der Euro-Franken-Wechselkurs sinkt, bedeutet dies, dass sich der Franken aufwertet. Ähnlich wie am Gütermarkt kommt es zu einer solchen Preissteigerung, wenn die Nachfrage (in diesem Fall nach Franken) steigt.

Frankenangebot erhöht, Frankenpreis gesenkt

Genau hier setzte die Nationalbank an: Stand der Mindestkurs unter Druck, kaufte sie Euro in zum Teil sehr grossen Mengen und bezahlte diese mit von ihr neu geschaffenen Franken. So erhöhte sie das Angebot an Franken und steigerte die Nachfrage nach Euro. Damit konnte sie den Preis des Frankens stabil halten und gezielt auf den Wechselkurs Einfluss nehmen.

Unbeschränkt heisst glaubwürdig

Entscheidend war dabei, dass die Nationalbank dank des Notenmonopols unbeschränkt neue Franken schaffen kann. Die Nationalbank war daher nicht nur willens, sondern auch fähig, den Mindestkurs durchzusetzen. Das verschaffte ihr die notwendige Glaubwürdigkeit. Der Markt wusste, die Nationalbank war jederzeit in der Lage, 1.20 Franken für 1 Euro zu bezahlen, solange sie das Mindestkurs-Regime aufrechterhalten wollte.

Die Auswirkung auf die Bilanz der Nationalbank

Pumpe

Mit aller Konsequenz


Die Nationalbank betonte stets, dass sie den Mindestkurs mit aller Konsequenz durchsetzen werde und bereit sei, unbeschränkt Devisen zu kaufen. Das wurde zum Beispiel im Sommer 2012 notwendig, als sie sehr viele Euros kaufen musste. Ab Herbst 2012 beruhigte sich die Lage, und im Jahr 2013 musste die Nationalbank den Mindestkurs nicht mit Devisenkäufen verteidigen. Gegen Ende 2014 schwächte sich der Euro jedoch gegenüber allen Währungen ab. Der Euro-Franken-Kurs näherte sich wieder dem Mindestkurs an, und die Nationalbank musste erneut am Devisenmarkt intervenieren. Um Frankenanlagen weniger attraktiv zu machen und so den Mindestkurs zu unterstützen, kündigte die Nationalbank am 18. Dezember 2014 Negativzinsen an.

Ein Blick in den Handelsraum der Nationalbank


Die Nationalbank überwachte die Entwicklungen am Devisenmarkt rund um die Uhr. So konnte sie sicherstellen, dass der Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro nicht durchbrochen wurde.

Handelsraum

Das Ende des Mindestkurses


Am 15. Januar 2015 hob die Nationalbank den Mindestkurs auf. Gleichzeitig senkte sie die Zinsen, die teilweise schon unter null lagen, noch stärker in den negativen Bereich, um die Aufhebung des Mindestkurses abzufedern.

Der Mindestkurs war von Anfang an als ausserordentliche und vorübergehende Massnahme gedacht. Das Umfeld hatte sich seit seiner Einführung stark verändert. Anders als im Jahr 2011 war die Lage Anfang 2015 nicht von einer allgemeinen Frankenstärke, sondern von einer Euroschwäche gekennzeichnet. Die Europäische Zentralbank hatte begonnen, ihre Geldpolitik nochmals massiv zu lockern. Es wurde deshalb klar, dass die Nationalbank den Mindestkurs mit immer grösseren Devisenmarktinterventionen hätte durchsetzen müssen, ohne dass Aussicht auf eine nachhaltige Stabilisierung der Wechselkurslage bestand.

Mindestkurs nicht mehr gerechtfertigt

Das hätte zu einer unkontrollierten Ausweitung der Bilanz geführt. Die Nationalbank hätte so riskiert, eines Tages die Kontrolle über die Geldpolitik zu verlieren. Der Mindestkurs war damit nicht mehr nachhaltig, denn die Nationalbank hätte sich längerfristig der Fähigkeit beraubt, eine eigenständige Geldpolitik für die Schweiz zu führen. Die Risiken einer Weiterführung des Mindestkurses hätten daher in keinem Verhältnis mehr zu dessen Nutzen gestanden – zumal die Weltwirtschaft und die Schweizer Wirtschaft in einer robusteren Verfassung waren als 2011.

Die Überraschung war gross...

Punkt 10.30 Uhr am 15. Januar 2015 hob die Nationalbank den Mindestkurs auf. Alle waren überrascht, die Märkte, die Medien, die Politik, internationale Akteure – und die Menschen in der Schweiz. Die Ankündigung liess die Devisenmärkte erbeben. Der Euro-Franken-Kurs fiel innerhalb weniger Minuten auf 0.85 Franken pro Euro. Doch schon bald beruhigte sich der Markt, die Verhältnisse wurden geordneter, und die Ausschläge des Wechselkurses nahmen wieder ab.

...aber unvermeidbar

Warum hat die Nationalbank die Aufhebung des Mindestkurses nicht sanft in die Wege geleitet oder gar lange im Voraus angekündigt? Dieser Weg stand der Nationalbank nicht offen. Ein Signal, dass die Nationalbank nicht mehr ohne Wenn und Aber am Mindestkurs festhält, hätte am Devisenmarkt sofort einen heftigen Druck ausgelöst und die Nationalbank so gezwungen, zur Verteidigung des Mindestkurses noch viel stärker zu intervenieren.

Rasches Handeln war gefragt

Als feststand, dass der Ausstieg unvermeidbar war, handelte die Nationalbank rasch. Ein Hinausschieben des Entscheids hätte nichts gebracht. Hätte die Nationalbank den Mindestkurs erst später aufgehoben, wären die Verwerfungen an den Finanzmärkten nicht weniger heftig und die Auswirkungen auf die Wirtschaft nicht geringer ausgefallen. Zudem wären die Verluste für die Nationalbank massiv grösser gewesen.